HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Selma und der verlorene Handschuh
Ein Handschuh fährt mit
Selma saß mit Papa in der Straßenbahn. Draußen lag Schnee auf den Dächern, drinnen beschlugen die Fenster. An der nächsten Haltestelle stieg eine Frau mit vielen Einkaufstaschen aus. Erst als die Bahn weiterfuhr, entdeckte Selma auf dem leeren Sitz einen blauen Wollhandschuh. Auf dem Handrücken war eine kleine weiße Schneeflocke gestrickt.
„Vielleicht gehört er der Frau“, sagte Selma. Papa sah zum Fenster. Die Haltestelle war schon weit weg. Selma legte den Handschuh nicht in ihre Tasche. Wer ihn verloren hatte, würde ihn vielleicht in der Bahn suchen. Papa schlug vor, ihn beim Fahrpersonal abzugeben. An der nächsten Haltestelle gingen sie nach vorn. Der Fahrer nahm den Handschuh entgegen und legte ihn in eine Fundtasche.
Ein Hinweis auf dem Bündchen
„Dann ist er sicher“, sagte der Fahrer. Selma bemerkte ein kleines grünes Band am Bündchen. Sie zeigte es ihm, damit er den Handschuh später beschreiben konnte. Papa erklärte, dass Fundsachen über die Verkehrsgesellschaft wieder abgeholt werden können. Selma dachte an die kalte Hand der Frau. Ob sie schon gemerkt hatte, dass etwas fehlte?
Zu Hause malte Selma einen Handschuh mit weißer Schneeflocke und grünem Band. Papa half ihr, den Fund bei der offiziellen Fundstelle zu melden. Sie schrieben auf, in welcher Bahn und ungefähr wann sie ihn gefunden hatten. Selma wollte den Zettel an jeder Haltestelle aufhängen. Papa sagte, die Fundstelle habe bereits ein eigenes Verfahren. Ihr Bild konnte sie trotzdem für sich aufbewahren.
Jemand sucht
Zwei Tage später fuhr Selma wieder dieselbe Strecke. An der Haltestelle stand die Frau mit den Einkaufstaschen. Sie trug nur an einer Hand einen blauen Handschuh. Selma erkannte die weiße Schneeflocke und das grüne Band. Sie zeigte Papa die Frau. Papa fragte höflich, ob sie einen Handschuh vermisse. „Ja!“, sagte die Frau. „Ich habe schon überall gesucht.“
Selma erzählte, wo sie ihn abgegeben hatten. Die Frau schrieb sich die Nummer der Fundstelle auf. Sie dankte Selma, aber Selma wollte erst wissen, ob der Handschuh wirklich zurückkam. „Ich frage dort nach“, versprach die Frau. Sie musste in die andere Bahn steigen. Selma winkte ihr durch das Fenster zu und hoffte, dass der einzelne Handschuh bald wieder ein Paar sein würde.
Wieder ein Paar
Am Wochenende trafen sie die Frau zufällig vor der Bäckerei. Sie hielt beide blauen Handschuhe hoch. „Da sind sie“, sagte sie. Die Fundstelle hatte nach dem grünen Band gefragt. Genau daran hatten sie den richtigen Handschuh erkannt. Selma freute sich. Es war ein kleines Ding, doch für die Frau war es wichtig.
Auf dem Rückweg fragte Papa, ob Selma nun in jeder Bahn nach verlorenen Sachen Ausschau halten werde. „Vielleicht“, sagte Selma. „Aber ich will auch noch aus dem Fenster sehen.“ Die Straßenbahn bog um eine Ecke. Auf einem Dach lag eine dicke Schneekappe. Selma sah sie und lächelte. Ihre eigenen Handschuhe steckten beide in den Manteltaschen.
