HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Samu und der Spiegel um die Ecke
Die blaue Murmel
Samu ließ im Flur eine blaue Murmel über den Boden rollen. Sie sprang gegen die Fußleiste und verschwand um die Ecke. Dort stand ein schweres Regal, das Tante Rena gerade einräumte. „Nicht dahinter kriechen“, sagte sie. „Ich stelle die Kisten erst sicher ab.“ Samu blieb an der Wand stehen. Er konnte die Murmel hören, als sie irgendwo zur Ruhe kam, aber nicht sehen, wo sie lag.
Er beugte sich vor und schaute um die Ecke. Vom sicheren Platz aus sah er nur das Regalbein und eine Staubfluse. Rena legte die Kiste ab und bemerkte seinen langen Hals. „Vielleicht können wir sehen, ohne näherzugehen“, sagte sie. Sie holte einen kleinen Spiegel aus dem Bad. Samu hielt ihn vorsichtig an die Wand. Im Glas sah er zunächst sein eigenes Auge.
Ein Bild, das sich dreht
Samu kippte den Spiegel ein wenig. Sein Auge verschwand, und plötzlich erschien die andere Seite des Flurs. Da war die grüne Fußmatte. Daneben sah er einen Hausschuh. Die Murmel lag noch nicht im Bild. Rena erklärte, dass Licht von den Dingen zum Spiegel und von dort in Samus Augen kam. Samu brauchte deshalb nicht selbst um die Ecke zu kriechen. Er probierte eine andere Stellung aus.
Im Spiegel glitzerte etwas Blaues unter dem Regal. Samu zeigte mit dem Finger geradeaus, doch Rena sah dort nichts. Der Spiegel zeigte die Murmel aus einer anderen Richtung. Gemeinsam verglichen sie das Spiegelbild mit dem echten Flur. Rena stellte sich an einen sicheren Platz, von dem aus sie die Murmel direkt sehen konnte. „Du hast sie gefunden“, sagte sie. „Jetzt räume ich noch die letzte Kiste weg.“
Nicht alles ist dort, wo es scheint
Als das Regal frei zugänglich war, holte Rena die Murmel mit einem langen Holzlineal hervor. Samu wollte wissen, warum der Spiegel die Schrift auf der Fußmatte so merkwürdig zeigte. Rena hielt ein Blatt mit einem großen gezeichneten Pfeil davor. Im Spiegel schien der Pfeil andersherum zu zeigen. Samu drehte das Blatt, dann den Spiegel. Er merkte, dass er beim Deuten aufpassen musste. Ein Spiegel war hilfreich, aber kein Fenster an derselben Stelle.
Sie stellten die Murmel in eine Schale, damit sie nicht gleich wieder wegrollte. Danach suchte Samu im Haus nach Spiegelbildern: im Badspiegel, in einem blanken Topfdeckel und sogar in der dunklen Fensterscheibe. Nicht jedes Bild war gleich scharf. Im Topfdeckel sah sein Gesicht lang und krumm aus. Er lachte und rief Rena dazu.
Eine neue Sicht
Am Abend erzählte Samu seinem Vater von der Murmel. Er zeigte den kleinen Spiegel und stellte eine Spielfigur hinter eine Schachtel. Vater konnte die Figur von vorn nicht sehen. Samu hielt den Spiegel schräg, bis sie darin auftauchte. Diesmal ließ er Vater selbst die richtige Stellung finden. Erst sah Vater nur die Decke, dann die Schachtel, schließlich die Figur.
„Der Spiegel holt die Figur nicht hervor“, sagte Samu. „Er zeigt mir nur einen anderen Weg für das Licht.“ Das klang für ihn fast so spannend wie ein Zaubertrick, war aber keiner. Die blaue Murmel lag sicher in ihrer Schale. Samu ließ sie dort, bis der Flur wieder frei war. Morgen wollte er Rena fragen, ob sie gemeinsam einen kleinen Spiegelparcours bauen könnten.
