HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Samira und ihr richtig gesprochener Name
Ein Name auf Papier
Auf jedem Platz in der neuen Gruppe lag eine Namenskarte. Samira fand ihre neben einem Becher mit Buntstiften. Die Buchstaben sahen vertraut aus. Sie hatte sie gestern mit Papa geübt. Als Frau Kaya die Kinder begrüßte, las sie die Karten nacheinander vor. Bei Samiras Namen betonte sie den Anfang. Zu Hause klang besonders die mittlere Silbe deutlich. Samira hob die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. Die anderen Kinder waren schon mit dem Malen beschäftigt.
Beim Frühstück sagte Finn ihren Namen genauso wie Frau Kaya. Samira antwortete trotzdem, denn er meinte sie. Dennoch blieb ein kleines unangenehmes Gefühl. Es war, als hätte jemand ihre Zeichnung ein Stück zur Seite geschoben. Sie wollte niemanden beschämen. Sie wollte nur hören, wie ihr eigener Name richtig klang. Am Maltisch schrieb sie die Buchstaben noch einmal langsam auf ein Blatt und überlegte, was sie sagen könnte.
Noch einmal, bitte
Neben ihr malte Liv einen großen Baum. Liv zeigte auf Samiras Blatt und fragte, ob sie den Namen lesen dürfe. Samira nickte. Liv versuchte es und hielt mitten im Wort an. „War das richtig?“, fragte sie. Samira schüttelte den Kopf und sprach ihren Namen ruhig vor, mit einer deutlichen Betonung auf „mi“. Sie sagte ihn noch einmal, diesmal etwas langsamer. Liv probierte es wieder. Der Anfang klang schon gut, nur die Betonung war noch anders. Samira wiederholte ihn, ohne zu lachen.
Frau Kaya hörte zu und kam an den Tisch. „Ich glaube, ich habe deinen Namen heute Morgen nicht so gesagt, wie du ihn sagst“, meinte sie. Samira war erleichtert, dass die Lehrerin es selbst ansprach. Sie sprach den Namen vor, und Frau Kaya wiederholte ihn. Beim zweiten Versuch stimmte die Betonung. „Danke, dass du es mir zeigst“, sagte sie. Samira merkte, dass sie gar keine lange Erklärung gebraucht hatte. Ein klar gesprochener Name und ein offenes Ohr reichten für den Anfang.
Ein Spiel mit vielen Namen
Am Nachmittag spielten die Kinder ein Namensspiel. Wer wollte, sagte den eigenen Namen und zeigte dazu eine Bewegung. Finn klatschte zweimal. Liv drehte eine Hand wie ein Blatt im Wind. Samira zeichnete mit dem Finger einen Bogen in die Luft und sprach ihren Namen deutlich. Die anderen wiederholten ihn. Einige trafen den Klang sofort, andere fragten noch einmal nach. Samira antwortete, ohne sich zu beeilen. Dann machte sie Finns Klatschen mit und fragte Liv, ob ihr Bogen zur Bewegung passe.
Ein Kind sagte, sein Name klinge bei Oma anders als in der Gruppe. Frau Kaya fragte, welche Form es hier benutzen möchte. Das Kind überlegte und entschied sich für die kurze Form. Samira hörte aufmerksam zu. Sie hatte heute gemerkt, dass Namen nicht nur auf Karten stehen. Menschen sprechen sie aus, und der Mensch mit dem Namen darf sagen, was für ihn passt. Für ihr eigenes Gefühl war das größer als jede Namenskarte.
Die Karte bleibt
Vor dem Abholen legte Samira ihre Zeichnung in die Mappe. Auf der Namenskarte standen noch immer dieselben Buchstaben wie am Morgen. Der Unterschied war zu hören. Finn rief ihr zum Abschied ihren Namen zu und sprach ihn so aus, wie sie es gezeigt hatte. Samira winkte. Frau Kaya verabschiedete sie ebenfalls und traf die Betonung. „Bis morgen“, sagte Samira. Diesmal hob sie ihre Hand sofort.
Auf dem Heimweg erzählte sie Papa, dass Liv nachgefragt hatte. „Und was hast du gesagt?“, fragte er. Samira sprach ihren Namen vor und musste lachen, weil Papa ihn natürlich schon kannte. Dann erzählte sie vom Spiel mit den Bewegungen. Morgen wollte sie wieder einen Bogen in die Luft zeichnen. Vielleicht würde sie auch nach den Namen der Kinder fragen, die noch nicht beim Spiel mitgemacht hatten. Sie nahm sich vor, genau zuzuhören, wenn sie ihr antworteten.
