HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Rosa und das Wort, das noch fehlte
Eine Hilfe am Gartentor
Das Gartentor am Wohnhaus klemmte seit Tagen. Frau Aydin, die Hausmeisterin, hatte es repariert, während Rosa in der Schule war. Jetzt konnte Rosa ihr Fahrrad wieder leicht hindurchschieben. Sie wollte sich bedanken. In ihrem Zimmer nahm sie eine Karte und schrieb oben: Danke. Darunter sollte noch ein Satz stehen. Rosa tippte mit dem Stift auf das Papier. Alles, was ihr einfiel, klang zu klein.
„Danke für das Tor“ war wahr, aber Rosa wollte auch sagen, dass Frau Aydin ihren Weg leichter gemacht hatte. Sie schrieb einen längeren Satz und strich ihn wieder durch. Dann malte sie ein Fahrrad vor einem offenen Tor. Auf dem Bild sah man sofort, was sich verändert hatte. Rosa ließ die leere Stelle unter dem Bild noch frei.
Ein Rat ohne fertigen Satz
Papa sah die Karte und fragte, was Rosa Frau Aydin sagen würde, wenn sie vor ihr stünde. „Jetzt komme ich mit meinem Rad allein durch“, sagte Rosa. Papa nickte. „Das klingt nach dir.“ Er schrieb den Satz nicht für sie auf, sondern half ihr nur bei dem Wort allein. Rosa schrieb ihn selbst unter das Bild.
Danach fand sie die Karte plötzlich zu schlicht. Sie hatte keine goldenen Aufkleber und keinen langen Reim. Papa zeigte auf das gezeichnete Tor. „Wird sie verstehen, wofür du dankst?“ Rosa nickte. Sie legte die Karte in einen Umschlag, auf dem nur Frau Aydins Name stand. Den Namen hatte Papa mit ihr geprüft.
Der kurze Weg nach unten
Am nächsten Morgen traf Rosa Frau Aydin im Hof. Sie gab ihr den Umschlag und wartete. Die Hausmeisterin öffnete ihn nicht sofort. „Ist das für mich?“, fragte sie. Rosa nickte und sagte den Satz von der Karte noch einmal laut. „Jetzt komme ich mit meinem Rad allein durch.“ Frau Aydin lächelte. „Dafür war die Reparatur da.“
Später sah Rosa durch das Fenster, wie Frau Aydin die Karte las. Sie betrachtete zuerst das Bild und dann den Satz. Rosa konnte ihr Lächeln von oben erkennen. Sie merkte, dass sie nicht die schönsten Wörter der Welt gebraucht hatte. Die eigenen hatten gereicht.
Ein Platz für Danke
Einige Tage danach hing die Karte an der Pinnwand im Hausflur. Frau Aydin hatte Rosa vorher gefragt, ob das für sie in Ordnung sei. Rosa sagte ja. Jetzt konnten auch andere das offene Tor auf dem Bild sehen. Eines Morgens klebte daneben ein kleiner Zettel von einem Nachbarn: Das Tor hilft auch meinem Kinderwagen. Rosa las ihn zweimal.
Sie wollte sofort eine zweite Karte schreiben, diesmal mit einem langen Satz. Dann hielt sie inne. Vielleicht konnte sie beim nächsten Mal erst sagen, was wirklich geschehen war, und danach überlegen, ob eine Karte dazu passte. Sie schob ihr Fahrrad durch das Tor. Es öffnete sich leicht. Rosa flüsterte noch einmal Danke, obwohl Frau Aydin gerade nicht da war.
