HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Oskar und der Teppichpfad
Rote Linien
Oskar verbrachte den Nachmittag bei Oma. Im Wohnzimmer lag ein Teppich mit roten, blauen und goldenen Linien. Oskar ließ einen Finger auf einem roten Streifen entlanggleiten. Der Streifen bog ab, lief um eine Blume herum und verschwand unter dem Tisch. „Wo führt er hin?“, fragte Oskar. Oma lächelte. „Sieh nach, aber pass auf die Tischbeine auf.“
Oskar kroch langsam auf allen vieren. Hinter dem Tisch kam derselbe rote Streifen wieder hervor. Dann teilte er sich. Einer führte zur Tür, der andere zu einer alten Holzkiste. Oskar wählte die Kiste. Sie war nicht abgeschlossen. Darin lagen Fotos, eine Fahrkarte und eine kleine Holzfigur. Oma setzte sich neben ihn auf den Teppich.
Drei Dinge, drei Fragen
Oskar hob die Holzfigur hoch. Sie sah aus wie ein Hund mit besonders großen Ohren. Oma erzählte, dass sie ihn als Kind auf einem Markt gefunden hatte. Die Fahrkarte gehörte zu einer Zugreise ans Meer. Das Foto zeigte Oma mit einer Freundin vor einer riesigen Sandburg. Oskar wollte wissen, ob der Hund mitgefahren war. Oma sah auf das Foto. „Ich glaube ja, aber ich bin nicht sicher.“
Oskar legte die Figur neben die Fahrkarte und betrachtete das Foto genau. Darauf war kein Holzhund zu sehen. Oma erklärte, dass Erinnerungen manchmal eine Lücke haben. Man darf dann fragen und zusammen überlegen, ohne etwas zu erfinden. Oskar fand das ein bisschen schade. Er hätte die Reise des Hundes gern genau gekannt.
Ein neuer Weg
Oma schlug vor, eine neue Geschichte zu erfinden und sie klar als erfunden zu kennzeichnen. Oskar ließ den Holzhund auf dem roten Teppichstreifen entlanglaufen. In ihrer Geschichte suchte er die Kiste, aus der er gerade gekommen war. An jeder Teppichblume musste er entscheiden, ob er links oder rechts weiterging. Oma sprach die Stimme des Hundes, Oskar die Stimme eines freundlichen Vogels.
Als die Figur an der Tür ankam, endete der rote Streifen. Oskar sah Oma an. „Und jetzt?“ Oma zeigte auf eine blaue Linie. „Vielleicht beginnt hier eine andere Geschichte.“ Sie lachten. Danach stellten sie den Holzhund zurück in die Kiste. Die echten Dinge blieben an ihrem Platz; die erfundene Reise durfte im Kopf weitergehen.
Die Kiste bleibt offen
Bevor Oskar abgeholt wurde, legte Oma ein Blatt Papier in die Kiste. Darauf schrieb sie: Oskars Teppichpfad, heute erfunden. Oskar zeichnete den Hund daneben. Bei der Fahrkarte schrieb Oma nur, was sie sicher wusste: Zugfahrt ans Meer. Das Foto bekam die Namen der beiden Freundinnen. So konnte Oskar später die Dinge wiederfinden, ohne ihre Geschichten zu verwechseln.
Auf dem Weg zur Tür folgte Oskar noch einmal dem roten Streifen. Jetzt kannte er seinen Weg zur Kiste. Aber er wusste auch, dass die blaue Linie noch auf ihn wartete. „Nächstes Mal suchen wir eine neue Abzweigung“, sagte er. Oma nickte und schloss die Tür erst, als Oskar seinen letzten roten Bogen umrundet hatte.
