HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Nora und das Buch mit den leeren Seiten
Ein Anfang ohne Wörter
In der Spielecke lag ein Heft mit blauem Umschlag. Nora schlug es auf. Alle Seiten waren leer. „Jemand hat die Geschichte vergessen“, sagte sie. Ihr Freund Cem sah hinein und schüttelte den Kopf. „Vielleicht wartet sie auf uns.“ Nora holte Stifte. Sie malte einen kleinen roten Koffer auf die erste Seite. Was darin war, wusste sie noch nicht.
Lea kam dazu und zeichnete einen langen Bahnsteig. Cem setzte einen Vogel auf den Koffergriff. „Der Vogel reist“, sagte er. Nora hatte eigentlich an ein Kind gedacht. Sie wollte seinen Vogel schon wegwischen, hielt aber inne. Auf dem Blatt war Platz für beides. Sie fragte Cem, wohin der Vogel wollte.
Drei Wege zugleich
„Ans Meer“, sagte Cem. „In eine Stadt aus Wolken“, sagte Lea. Nora wollte den Koffer zu einer Bäckerei bringen. Alle drei Orte passten nicht auf dieselbe Seite. Nora klappte das Heft zu. „Dann wird unsere Geschichte nie fertig.“ Cem wollte lieber allein malen. Lea sah auf ihre Wolken und sagte erst einmal nichts.
Die Betreuerin setzte sich kurz dazu. „Muss eine Geschichte immer nur einen Weg haben?“, fragte sie. Nora blätterte durch die vielen leeren Seiten. Sie teilten sie in drei Abschnitte. Auf jeder ersten Seite stand derselbe rote Koffer. Was danach geschah, durfte jedes Kind selbst entscheiden.
Der Koffer wandert
Cem malte den Vogel am Strand. Im Koffer fand er eine kleine Muschel mit einem Brief: Bitte hör gut zu. Lea zeichnete, wie der Brief zwischen Wolkenhäusern flatterte. Nora machte daraus eine Einkaufsliste für eine Bäckerei, in der man Wolkenbrot backte. Plötzlich berührten sich ihre drei Geschichten doch.
Sie legten die Seiten auf dem Boden aus. Nora entdeckte, dass die Muschel auf Cems Bild dieselbe Farbe hatte wie ein Fenster bei Lea. Cem fand Noras Wolkenbrot lustig. Jedes Kind durfte die eigene Zeichnung behalten, und trotzdem konnten sie neue Wege von einem Bild zum nächsten suchen.
Ein Heft für morgen
Am Abend klebten sie die Seiten vorsichtig ins Heft. Vorne schrieb Nora: Der Koffer mit drei Reisen. Darunter standen drei Namen. Die letzten vier Seiten blieben leer. „Die brauchen wir noch“, sagte Lea. Vielleicht würde der Vogel zurückkommen. Vielleicht würde jemand ein völlig neues Ziel erfinden.
Nora stellte das Heft ins Regal der Spielecke. Am nächsten Morgen lag daneben ein kleiner grüner Stift. Ein anderes Kind hatte eine vierte Reise begonnen: Der Koffer stand auf einem Berg. Nora lächelte. Sie fragte zuerst, wie die Geschichte weiterging. Dann malte sie eine Wolke an den Himmel, ganz oben, wo noch Platz war.
