HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Mira und das Geschenk ohne Papier
Das Album ist fertig
Mira hatte für Opa ein kleines Album gemacht. Auf jeder Seite klebte ein Bild von einem gemeinsamen Tag: ein Spaziergang, ein Eis und ein selbst gebautes Vogelhaus. Auf die letzte Seite malte sie zwei Plätze auf einer Bank. Das Album war fertig, als Mutter die Schublade mit dem Geschenkpapier öffnete. Darin lag nur ein schmaler Streifen, zu kurz für das Album.
„Dann sieht Opa die Überraschung sofort“, sagte Mira. Mutter schlug vor, erst im Haus nach einer anderen Hülle zu suchen. Sie fanden eine leere Schachtel, aber der Deckel fehlte. Ein Schal gehörte Tante und sollte nicht ohne Fragen benutzt werden. Im Wäscheschrank lag schließlich ein frisch gewaschenes buntes Stofftuch, das niemand brauchte.
Ein Knoten, der aufgeht
Mira legte das Album in die Mitte des Tuchs. Sie zog die Ecken zusammen, doch der erste Knoten rutschte auf. Mutter zeigte ihr, wie sie zwei gegenüberliegende Ecken locker verknoten konnte. Die anderen zwei wurden wie kleine Griffe darüber gelegt. Mira probierte es selbst. Diesmal hielt das Tuch, und das Album lag weich darin.
„Ist das noch ein richtiges Geschenk?“, fragte Mira. Mutter antwortete nicht sofort. Sie fragte, was Mira Opa eigentlich schenken wollte. „Unsere Tage“, sagte Mira und zeigte auf das versteckte Album. Da merkte sie, dass das Papier nur die Hülle gewesen wäre. Das Tuch durfte auch schön sein, aber die Bilder blieben der wichtigste Teil.
Opa öffnet vorsichtig
Beim Geburtstagskaffee überreichte Mira das Päckchen. Opa löste die Knoten so langsam, dass Mira fast aufspringen wollte. Er strich das Stofftuch glatt, sah die erste Albumseite und lächelte. Beim Bild vom Vogelhaus erzählte er eine Geschichte, die Mira schon halb vergessen hatte: Ein Spatz hatte ihnen damals beim Schrauben zugesehen.
Mira zeigte ihm die letzte Seite mit der Bank. „Das ist für einen neuen Tag“, erklärte sie. Opa fragte, ob sie am Sonntag zusammen dorthin gehen wollten. Mira nickte. Das Album hatte also noch Platz für eine Geschichte, auch wenn die Seiten schon voll waren. Sie könnten später ein neues Blatt dazukleben.
Das Tuch bekommt einen Platz
Nach dem Kuchen faltete Opa das Tuch zusammen und wollte es Mira zurückgeben. Mira sagte: „Du darfst es behalten, wenn du magst.“ Opa legte es in seinen Fahrradkorb. Damit wollte er am Sonntag das Album zur Bank mitnehmen, ohne dass die Ecken knickten. Mira fand diese Idee besser als einen Papierberg im Mülleimer.
Zu Hause erzählte sie Mutter von Opas Plan. Die leere Papierschublade sah nicht mehr wie ein Problem aus. Für ein anderes Geschenk würden sie vielleicht wieder Papier haben, vielleicht eine Schachtel oder ein Tuch. Mira wusste nun: Eine Verpackung muss zum Inhalt und zum Menschen passen. Ihre hatte Opa sogar einen neuen Spaziergang geschenkt.
