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Malou und die verlorene Melodie
Das Lied für Freitag
Malou kannte das Lied für das Nachbarschaftsfest fast auswendig. Sie sang die erste Zeile, während Tarek die Trommel prüfte und Bea ihre kleine Glocke in der Hand wog. Im Musikzimmer roch es nach Holz und den Äpfeln, die auf der Fensterbank lagen. „Noch einmal von vorn“, sagte Bea. Malou holte Luft. Doch nach dem ersten Ton war der zweite fort. Sie wusste plötzlich nicht mehr, wie die Melodie weiterging.
Tarek trommelte vorsichtig den Anfang. Malou versuchte es noch einmal. Ihr fiel nur eine andere Folge von Tönen ein. „Das ist falsch“, sagte sie und wurde rot. Bea legte die Glocke ab. „Wir haben Zeit“, sagte sie. Aber Malou sah auf die Stühle, die schon für Freitag bereitstanden. Dort würden Menschen zuhören. Was, wenn ihr Lied dann wieder verschwände?
Ein Geräusch am Fenster
Während die drei schwiegen, klopfte etwas leise gegen die Scheibe. Tick, tick, Pause, tick. Draußen bewegte der Wind den dünnen Zweig eines Apfelbaums. Malou drehte sich um und hörte genauer hin. Der Zweig klopfte nicht gleichmäßig. Gerade das machte den Klang interessant. Tarek legte die Fingerspitzen auf die Trommel und spielte den Rhythmus nach.
Bea antwortete mit einem einzigen Glockenton. Der Ton blieb kurz in der Luft hängen. Malou sang dazu die ersten drei Töne, die ihr einfielen. Sie waren nicht die verlorene Melodie. Aber sie passten zu Tick, tick, Pause, tick. „Dürfen wir das überhaupt ändern?“, fragte Tarek. Malou zuckte die Schultern. Es war schließlich ihr gemeinsames Lied. Sie beschlossen, es auszuprobieren, bevor sie etwas entschieden.
Ein Lied mit Platz
Sie probierten laut und leise, schnell und langsam. Bei einer schnellen Stelle kam Bea mit ihrer Glocke nicht hinterher. Also ließen sie dort eine Pause. „Die mag ich“, sagte sie. „Da kann ich atmen.“ Malou bemerkte, dass auch sie nach der Pause mutiger weitersang. Tarek machte mit der Trommel Platz für beide Stimmen.
Als der Zweig nicht mehr gegen das Fenster klopfte, konnten sie den Rhythmus trotzdem spielen. Malou schrieb keine Noten auf. Sie malte vier kleine Kreise: zwei dicht zusammen, eine Lücke, einen allein. Daneben zeichnete Bea eine Glocke. Tarek malte eine Trommel. So fanden alle den Anfang wieder, auch wenn sie die Töne einmal vergaßen.
Freitag klingt anders
Am Freitag saßen viele Menschen im Raum. Malou sah die Äpfel am Fenster und dann Bea und Tarek an. Sie hob die Hand. Tarek begann: tick, tick, Pause, tick. Bea setzte den hellen Ton dazu. Malou sang. Beim zweiten Durchgang sang ein Kind aus der ersten Reihe den letzten Ton mit.
Nach dem Auftritt fragte Malous Oma, ob das ein neues Lied gewesen sei. „Ja“, sagte Malou. „Das alte ist mir davongelaufen.“ Oma lachte. „Und wo kam dieses her?“ Malou zeigte auf den Zweig am Fenster. Er stand ganz still. „Von dort. Und von uns drei.“ Auf dem Heimweg summte sie die Melodie. Eine Stelle veränderte sich wieder. Diesmal ließ sie sie weiterziehen.
