HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Iva und das Bild aus Sand
Ein Kreis am Meer
Iva zeichnete mit einem Finger einen Kreis in den feuchten Sand. Das Meer lag ein Stück entfernt, und die Sonne wärmte ihre Schultern. Sie wollte ein Bild legen, das groß genug für eine Möwe von oben war. Mit ihrer Schwester Nima suchte sie kleine glatte Steine, leere Muschelschalen und ein Stück angespültes Holz. Die Schalen nahmen sie nur dort, wo keine Tiere darin lebten. Den ersten Stein legte Iva genau in die Mitte des Kreises.
Nima schlug vor, daraus eine Sonne zu machen. Iva dachte eher an ein Schneckenhaus. Sie legten die Steine als Spirale und die Muscheln außen herum. Das Holz wurde ein langer Strich wie ein Weg zum Bild. Nima trat drei Schritte zurück. „Von hier sieht die Spirale aus wie eine Welle“, sagte sie. Iva betrachtete sie auch aus der Entfernung. Vielleicht konnten beide recht haben. Das Bild musste keinen Namen bekommen, um fertig zu werden.
Eine Spur daneben
Ein Junge kam mit einem Eimer über den Strand. Er blieb vor dem Kreis stehen und fragte, ob er eine Muschel dazulegen dürfe. Iva zeigte ihm eine freie Stelle. Er brachte eine kleine helle Schale, die genau zwischen zwei Steine passte. Danach liefen sie gemeinsam um das Bild herum, ohne daraufzutreten. Ihre Fußspuren wurden ein zweiter Kreis. Nima fand, dass die Spuren aussahen wie ein Rahmen. Iva gefiel dieser Rahmen sogar besser als die Linie, die sie anfangs gezeichnet hatte.
Dann erreichte ein kleiner Wasserstreifen den äußeren Rand. Die Flut kam langsam näher. Iva sah zu Papa, der ein Stück weiter auf ihre Sachen achtete. „Das Meer holt mein Bild“, sagte sie. Papa kam dazu und zeigte auf die Uferlinie. Sie konnten das Kunstwerk fotografieren und weiter oben ein neues legen, wenn sie wollten. Iva nahm keine Steine aus der nassen Zone, sondern schaute erst zu, was das Wasser tatsächlich veränderte.
Die Welle zeichnet mit
Die erste Welle machte den äußeren Sandkreis weich. Die Fußspuren verschwanden an einer Stelle. Die Muscheln blieben noch liegen. Nima nahm ihre Schwester an die Hand und beide standen mit Abstand. Iva hatte das Bild eben erst fertiggestellt. Sie war enttäuscht, dass es nicht bis zum Abend halten würde. Aber als das Wasser zurückfloss, erschienen neue helle Linien um die Steine. „Das sieht anders aus als vorhin“, sagte Nima. Iva nickte. Das Meer zeichnete gewissermaßen mit.
Sie machten ein Foto vom veränderten Bild. Der Junge mit dem Eimer kam noch einmal vorbei. Er erkannte seine helle Muschel sofort. Gemeinsam sahen sie zu, wie die nächste Welle sie ein kleines Stück drehte. Sie nahmen nichts mit nach Hause. Die Steine und Muscheln gehörten zum Strand. Iva entschied, noch einen Moment zu warten, bis auch die Mitte des Bildes Wasser bekam. Sie wollte sehen, welcher Stein zuletzt zu erkennen war.
Zwei Bilder
Später saßen Iva und Nima auf ihrer Decke. Auf Papas Telefon betrachteten sie zwei Fotos: das erste mit der ganzen Spirale und das zweite mit den Wasserlinien. „Welches ist das richtige?“, fragte Nima. Iva überlegte. Beide zeigten ihr Bild, nur zu verschiedenen Zeiten. Auf dem Strand war die Mitte inzwischen kaum noch zu sehen. Vielleicht lag der erste Stein immer noch unter dem Wasser. Vielleicht hatte ihn eine Welle weitergeschoben.
Iva zeichnete mit dem Finger eine kleine Spirale auf ihre Handfläche. Sie würde bald verschwinden, wenn sie die Hände wusch. Trotzdem hatte sie sie gezeichnet. Auf dem Heimweg erzählte sie Mama von der hellen Muschel des Jungen und von den Fußspuren als Rahmen. „Morgen können wir etwas Neues legen“, sagte sie. Aber sie wusste schon, dass es nicht genau dasselbe Bild werden musste. Der Strand war jeden Tag ein bisschen anders.
