HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Amira und der Kreideweg für alle
Die erste Kurve
Amira malte mit blauer Kreide einen Fluss auf die Steine im Hof. Daneben zog sie eine gelbe Linie. „Das wird unser Abenteuerweg“, rief sie. Wer auf der gelben Linie blieb, durfte an der Bank vorbei bis zum Apfelbaum reisen. Kian sprang sofort los. Er stellte sich vor, die Pflastersteine seien Inseln und die Bank ein hoher Berg. Amira malte hinter ihm eine scharfe Kurve um einen Blumenkübel.
Dann kam Leni aus dem Haus. Sie rollte mit ihrem Rollstuhl bis zur gelben Linie und lächelte. „Wo beginnt das Abenteuer?“ Amira zeigte auf den schmalen Spalt zwischen Kübel und Treppe. Leni fuhr ein Stück vor und hielt an. Ihr Rollstuhl passte nicht hindurch. „Ich kann den Fluss von hier sehen“, sagte sie. Amira betrachtete ihre Zeichnung. Leni wollte nicht bloß zuschauen. Sie wollte mitreisen.
Eine andere Strecke
Kian schlug vor, den Kübel wegzutragen. Doch darunter standen kleine Schnecken im Schatten. Amira wollte sie nicht stören. Leni zeigte auf die freie Fläche vor der Bank. „Hier ist Platz“, sagte sie. Amira kniete sich neben sie und legte ein Stück Kreide quer über den Boden. Die neue Linie sollte breit werden, damit niemand auf einem einzigen Strich balancieren musste. Kian malte zwei Wellen daneben. So führte der Fluss jetzt um den Kübel herum.
Amira wollte sofort den Start ausrufen. Leni bat sie, zuerst die Strecke gemeinsam anzusehen. Hinter der Bank lag ein loser Stein. Kian hob ihn nicht einfach hoch, sondern fragte den Hausmeister, ob er ihn an den Rand legen durfte. Der Hausmeister prüfte den Stein und tat es selbst. Dann gingen die Kinder den Weg langsam ab. Amira merkte, dass eine breite Linie auch ihr half: Beim Laufen konnte sie nach vorn schauen und musste nicht dauernd auf ihre Füße achten.
Ein Spiel mit vielen Arten
Am Apfelbaum zeichnete Kian eine Sonne als Ziel. Leni fand, dass eine Reise mehr als einen Platz zum Ankommen brauchte. Sie malte mit roter Kreide drei kleine Kreise: einen für eine Pause, einen zum Winken und einen für ein Geräuscherätsel. „Am ersten Kreis lauschen wir“, sagte sie. Ein Vogel sang im Baum. Amira hörte zwei hohe Töne. Kian hörte drei. Niemand wusste genau, wer recht hatte, und alle lauschten noch einmal.
Beim zweiten Kreis winkten sie der Nachbarin im Erdgeschoss. Am dritten machte jedes Kind ein Geräusch, das zur Reise passte. Kian stampfte wie ein schwerer Riese. Leni schnippte leise wie ein Regentropfen. Amira pustete wie Wind. Sie brauchten weder gleich schnell noch auf dieselbe Weise unterwegs zu sein. Der Weg gehörte allen, solange sie einander Platz ließen.
Morgen wieder
Als Mama Amira zum Abendessen rief, war die Kreide an manchen Stellen schon blass. Amira stellte die übrigen Stücke in eine kleine Dose auf der Bank. „Morgen malen wir weiter“, sagte sie. Leni deutete auf den Anfang der Strecke. Dort war noch ein freies Stück Hof. Vielleicht konnte die Reise morgen am Gartentor starten. Kian wollte ein Meer hinzufügen. Amira schlug eine Insel zum Ausruhen vor.
Leni fuhr den breiten Weg ein letztes Mal bis zum Apfelbaum. Amira und Kian gingen neben ihr. Keiner musste warten, bis jemand aufgeholt hatte, denn sie erzählten sich unterwegs, welche Geräusche sie am liebsten mochten. Amira sah auf die Kurve um den Kübel. Eigentlich war der Weg dort schöner geworden, weil sie gemeinsam nachgedacht hatten. Sie nahm ihre gelbe Kreide mit nach Hause und wusste schon, wo sie morgen anfangen würde.
